Bänkellied und Moritat

 

Zwischen Zeitungslied, Kriegspropaganda und Yellow Press

Ein Essay von Annette C. Dißlin

 

Einen guten Ruf haben sie nicht gehabt, die Bänkelsänger. Man rechnete sie zum fahrenden Volk, sah ihr Tun als unseriös, ja anrüchig an. Auch Goethe wetterte gegen sie – was nicht jedem Maßstab sein muss. Oft genug waren es Kriegsversehrte oder Krüppel, die einen ehrbaren Beruf nicht mehr ergreifen konnten, und ihren Broterwerb auf Jahrmärkten und Messen suchten. Es sollen sich gar arme Bänkelsänger der Truppe des Schinderhannes angeschlossen haben – über den es übrigens auch ein Bänkellied gibt. Mit den 30er Jahren des 20. Jahrhundert erlebte der echte Bänkelsang seinen Niedergang, erhalten blieben uns die Parodien darauf, die wir mit Frank Wedekind, mit Berthold Brecht, mit dem Kabarett und mit Titeln wie „Mackie Messer“ oder „Sabinchen war ein Frauenzimmer“ verbinden.

Den Begriff des „Bänkelsangs“ gibt es erst seit dem 18. Jahrhundert. Er ist verbunden mit der Entwicklung des Pressewesens, wie sie sich nach Erfindung des Buchdrucks und in Folge der gesteigerten Nachfrage nach Lesestoff abgespielt hat. Vor allem in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts erlebte die Flugblattliteratur eine starke Verbreitung – zwischen 1517 und 1525 sind rund 2000 Flugblätter erschienen – und bis zum Ende des 16. Jahrhunderts wurden diese Blätter unter strenge Zensur gestellt, sowohl lutherische wie katholische. Die „Newe Zeitung“ mag zu Beginn des 17. Jahrhunderts eine Vorform des Bänkelsanges gewesen sein. Hier findet sich beides: die seriöse Berichterstattung und der schaurig-sensationelle Reißer. Oft waren diese Publikationen Einblattdrucke mit Bildern und einem „Zeitungslied“. Sie erzählten in gereimter Form von Unglücken, Naturkatastrophen, grauenhaften Verbrechen und Kuriositäten. Sie wollten informieren, erzählen, erschüttern, belehren, auch erheitern. Und: sie wollten verkaufen. Im Jahr 1567 wurden in wenigen Stunden 1400 Exemplare eines Flugblattes über die Hinrichtung des fränkischen Ritters von Grumbach abgesetzt. Zur Absatzsteigerung trug meist eine detailreiche Schilderung von Hinrichtungen und harten Strafen für grausame Schandtaten bei. Die Illustrationen waren noch bis ins 17. Jahrhundert als Holzschnitte ausgeführt und oft von sogenannten Illuministen grell koloriert, den Texten wurde auf Teufel-komm-raus ein aktueller Anstrich gegeben, sie waren mitunter langatmig erzählt oder schleppend gereimt, aber stets mit großem schauspielerischen Einsatz vorgetragen: das Publikum wurde von den grauenhaften, moralisierenden oder tieftraurigen Geschichten gebannt oder gerührt oder beides und kaufte. In den frühen Jahren waren es die Blätter, später, als die Bänkelsänger auf ihr Bänkel stiegen, zur Drehorgel sangen und ihre Moritatentafeln zeigten, wurden die Texte in Form von Heftchen verkauft. Es gab spezielle Druckereien, z. B. Reiche in Schwiebus (bei Frankfurt/Oder), für die Hefte. Ein Blatt im Folioformat wurde bedruckt, im Kreuzbruch gefaltet und ergab derart ein 8-seitiges Heftchen. Die Druckqualität war mitunter erschütternd schlecht. Der Bänkelsänger bezahlte 1932 für 1.000 Hefte etwas über 8 Reichsmark und konnte 3 Hefte für 1 Groschen verkaufen. Oft erzählten sie von Katastrophen, Schiffsunglücke waren besonders beliebt, mit Zunahme der Industrialisierung kamen noch Grubenunglücke dazu. Kennzeichnend sind meist die Schilderung von Trauerfeierlichkeiten nach Katastrophen oder tragischer bis rührender Einzelschicksale vor Kriegshintergrund. Es gab viele Mord- und Prozeßgeschichten (mit oder ohne realer Grundlage), Geschichten von Grausamkeiten gegen Kinder, verübt von Stiefeltern, Räubergeschichten oder Episoden unglücklicher Liebe mit tragischem Ausgang.

Das 17. Jahrhundert brachte für den Bänkelsang eine Veränderung. Es entwickelte sich in der Form regelrechter Zeitungen ein regelmäßig erscheinendes Publikationsorgan, das über aktuelle Geschehnisse auf weltpolitischer Ebene berichtete. So erlangten grauenvolle Geschichten von Mordtaten und Hinrichtungen, Sensationelles und Rührseliges immer mehr Bedeutung im Bänkelsang, da das Politisch-Aktuelle durch die Zeitungen bereits abgedeckt war. War der Sänger zuvor wenigstens teilweise noch ein Nachrichtenerzähler gewesen, so entwickelte er sich nun vollends zum Schausteller. Sein wichtigstes Requisit waren seine Tafeln: in grellbunten Farben waren Bildgeschichten auf Leinen oder Wachstuch gemalt. Zunächst begleitet von der seit dem Mittelalter bekannten Bauern- oder Bettlergeige, gesellte sich zum Bänkellied im Laufe des 18. Jahrhunderts der Leierkasten. Das Repertoire wurde allmählich erweitert um sentimentale Geschichten und Romanzen, die sehr populär wurden. Während der letzten großen Blüte des Bänkelgesanges nach der Wende zum 19. Jahrhundert planten Achim von Arnim und Clemens Brentano die Gründung einer Bänkelsängersschule mit zugehöriger Druckerei. Für das ehrgeizige Projekt sollten hochkarätige Komponisten und Dichter gewonnen werden. Der Plan wurde nie umgesetzt, vermutlich zu Goethes großer Erleichterung. 1835 wurde dann u. a. öffentlich verfügt: „Das Absingen von Liedern ist nur dann erlaubt, wenn der Gassenmusikant selbige gedruckt bei sich führt und die Lieder polizeilich genehmigt und gestempelt worden sind.“

Dass den Bänkelsängern durchaus hie und da eines ihrer Lieder verboten wurde, davon zeugt folgendes Zitat aus einem Bittgesuch des Leipziger Sängers Johann Heinrich Heidenreich an die zuständige Behörde: „Ich bitte um Gottes willen beiliegendes Lied, welches zu meinem Gemälde gehört, diese Messe verkaufen zu können. Ich bin vom Militär entlassen, halb blind und taub und habe eine 84jährige Mutter zu ernähren. Ich will durch Bild und Schrift auf das gemeine Volk einwirken. Ist das Bild schlecht, so ist doch die Schrift, welche ich ausstelle, die Hauptsache und enthält nur geschichtlich wahre Tatsachen. Sie sind aus dem ‚Österreichischen Beobachter‘ entnommen, der bekanntlich niemals Unwahrheiten zutage fördert.“

Die Kultur des Bänkelsanges begann vollends zu kippen, als sich die Sprache ins Skurrile entwickelte. So wurde das späte Bänkellied unfreiwillig Vorlage für den Typus der dilettantischen Gelegenheitsdichtung wie wir sie vom Hochzeitsgedicht bis zur missglückten Huldigung in Reimform für einen Verstorbenen kennen. Mehr und mehr wurden elementare Regeln von Rhythmus oder Reim ignoriert und gemäß der Anweisung „Reim dich, oder ich werfe dich die Treppe hinunter!“ verfahren.
Ein weiterer Schlag für den Bänkelsang war die Abschaffung öffentlicher Hinrichtungen. Letztlich aber unterlag er der erdrückenden Konkurrenz der modernen Massenmedien, wie sie sich gegen Ende des 19. Jahrhundert entwickelten. Rundfunk und Zeitung vermittelten die Reize des Sensationellen besser und das Rührselig-Triviale lebte in Schlagern und Groschenromanen auf. Als der bekannte Moritatenverlag Reiche 1914 mit Bänkelliedern vom Weltkrieg berichten wollte, fanden die Heftchen kaum Absatz. Die historische Bänkeldichtung starb um 1900. Im bürgerlich-oppositionellen Kabarett erlangte ein stilisierter Bänkelgesang eine neue Art der Blüte. Zu dieser Phase gehören Namen wie Liliencron, Wedekind, Morgenstern, Mühsam und Mehring, später griff auch Berthold Brecht diese Tradition auf, um poiniert auf soziale Missstände hinzuweisen. Ein gutes halbes Jahrhundert später sollte es dem Buchdruck ähnlich gehen: auch dieses über Jahrhunderte präsente Gewerk wurde durch neue Verfahren abgelöst, die der veränderten Nachfrage besser gerecht werden konnten.

Der wahre Bänkelsänger fristete sein Dasein noch ein Weilchen zwischen Riesenrad und Kettenkarussel auf Rummelplätzen und in Vergnügungsparks. Der Berliner Ernst Becker (Jahrgang 1891) gilt als letzter deutscher Bänkelsänger. Er war eigentlich Drogist, aber von der Jahrmarktsatmosphäre begeistert. Er hatte seine Moritatentafeln 1938 von der Familie Rosemann aus Liegnitz übernommen. Mit nahezu 70 Tafeln war sie gut sortiert gewesen. Eine dieser Tafeln kostete seinerzeit ca. 30 Mark; eine Tageseinnahme in dieser Höhe galt damals als gutes Geschäft. Die Moritatenbilder zu den Geschichten, Schilder genannt, wurden von Schaubudenmalern angefertigt. Diese Schilder sollten zusammen mit der Musik das Publikum auf dem Jahrmarkt anlocken und waren entsprechend auffällig. Selbst Goethe musste zugeben „Die großen Bilder der Bänkelsänger drücken sich weit tiefer ein als ihre Lieder, obwohl auch diese die Einbildungskraft mit starken Banden fesseln.“ Die Schilder waren typischerweise in mehrere Felder aufgeteilt und ergaben eine Bildergeschichte. Beim Vortrag der Moritat wurde auch zwischen Gesang und Deklaration gewechselt. Bänkelsängerpaare teilten oft den Gesang der Frau und das Sprechen dem Mann zu. Meist wurden bekannte Melodien übernommen für die Moritaten, dann konnten die Zuhörer mitsingen

Ein plakatives Layout mit dicker Überschrift und grellem Bild, eine reißerische Story, die nicht zwingend in allen Aspekten auf Tatsachen basiert, Herz-Schmerz am besten mit Enthüllungscharakter, Aktuelles, das auch aufgewärmt sein kann, verstörende Verbrechen und unfaßbare Grausamkeiten nebst der Prozessberichte dazu – all dies finden wir heute in der sogenannten Yellow Press, im Boulevardjournalismus – nicht gerade die Heimstatt der Seriosität, womit sich der Kreis wieder schließt. „Hundefürze töten vierköpfige Familie“ ist dazu ein schönes Zitat aus Proulx‘ Roman „Schiffsmeldungen“. „Nach Totgeburten: Ehefrau in Brunnen verbannt“ – so würde wohl eine Boulevardzeitung betiteln, was Eduard Mörike in seiner „Historie von der schönen Lau“ erzählt hat.

Für den Bänkelsänger war die verkaufte Zahl von Heftchen maßgebend, und so zählt beim Boulevardjournalismus die hohe Auflage, im Fernsehen auch die hohe Einschaltquote, und man nutzt dafür den Hang der Menschen, sich von Verbrechen, Unglücken oder tragischen Schicksalen anderer erzählen zu lassen, sich einen Schauer aus Entsetzen, Ekel und vielleicht sogar etwas Schadenfreude den Rücken hinablaufen zu lassen, in der Gewissheit, dass dies alles jemand anderem passiert, man selbst gänzlich unversehrt geblieben ist. Was zu den Blütezeiten des Bänkelliedes noch Bestandteil der Darbietung war, die Moral von der Geschicht‘ nämlich, also die Mahnung, sich anständig und gerecht zu verhalten, und nicht Unglück über andere zu bringen, ist verloren gegangen - geblieben ist das Hervorrufen von Empörung und das Schüren von Vorurteilen. Spätestens seit es den Beruf des Paparazzo gibt, wird unter Strapazieren von Werten wie Pressefreiheit und Recht auf Information nahezu gewissenlos dem ultimativ teuer verkaufbaren Bild nachgejagt und dafür durchaus auch der Ruin einer menschlichen Existenz oder gar eines Lebens in Kauf genommen. Das reicht von im Urlaub badenden Politikern bis zu den von der Öffentlichkeit abgeschirmten Opfern des Herrn Fritzl und gipfelt im Tod von Lady Di. Beinahe als lässliche Sünde wird heute das sogenannte „Witwenschütteln“ angesehen, bei dem Menschen, die von einer Katastrophe oder einem persönlichen tragischen Schicksal getroffen wurden, erbramungslos gefilmt und interviewt werden. Hier werden Respekt vor dem Menschen, seiner Privatsphäre und seiner Trauer bzw. seinem Schmerz bedenkenlos dem Kommerz geopfert – Emotionen bringen schließlich Auflage resp. Quote. Es geht heute kaum mehr anders, als dass Opferfamilien gerade in den schweren Tagen nach dem Ereignis, das ihr gesamtes Leben erschüttert hat, ihre angestammte Umgebung verlassen und an einem „unbekannten Ort“ sich in Sicherheit bringen müssen vor der investigativen Obsession eines ungezügelten Boulevardjournalismus. Allein dies wäre bester Stoff für ein klassisches Bänkellied inklusive Moral von der Geschicht‘. Tatsächlich wurde schon vor vielen Jahren über Ähnliches geschrieben: 1974 erschien die Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ von Heinrich Böll.
Bleibt das interessante Gedankenspiel, die Wurzeln des Boulevardjournalismus lägen womöglich gar nicht im Publizistischen, sondern viel mehr im späten Bänkellied, mithin in der Schaustellerei. Der Boulevardjournalismus wäre damit ein “Publikationstheater”, also reine Unterhaltung ohne Anspruch auf Wahrheitsgehalt, und hätte mit Pressefreiheit und Recht bzw. Pflicht auf Information rein gar nichts zu tun.

Letztlich ist es stets der Mensch, der seinem Tun Wert und Richtung gibt entsprechend der Ethik, von der er überzeugt ist, und in Eigenverantwortung. Selbst beim Bänkellied gab es neben den alltäglichen Themen, wie Unglücken und Katastrophen, auch agitatorische Varianten, die während Konflikten wie der Reformation oder in Kriegszeiten zu Propagandazwecken eingesetzt wurden, und Feindbilder kolportiert sowie eine fragwürdig einseitige Moral zum Besten gegeben haben. Von der jeweiligen gegnerischen Seite wurden diese Lieder freilich mit strikten Verboten belegt.
Womit wir wieder bei der Pressefreiheit wären.

 

Zum Nach- und Weiterlesen:

Gunnar Müller-Waldeck (Hg.): Unter Reu‘ und bitterm Schmerz. Bänkelsang aus vier Jahrhunderten. Hinstorff Rostock, 1977 (antiquarisch).

Theodor Kahlmann (Hg. und Nachwort): Traurige Schicksale der Liebe. Moritatentafeln. Die bibliophilen Taschenbücher Nr. 329. Harenberg, Dortmund, 1982 (antiquarisch).

E. Annie Proulx: Schiffsmeldungen (Originaltitel: The Shipping News). Roman. Fischer, Frankfurt, 1997.

Heinrich Böll: Die verlorene Ehre der Katharina Blum. dtv-Taschenbuch.

 

[Home] [Tucholsky] [Mündigkeit] [Bildung] [Strahlend] [krisenseiten] [Heimat] [Rechte] [Essays&Satiren] [Bänkellied] [Victor Hammer] [Das Künstlerplakat] [Geht's dümmer?] [Kleingedrucktes]