D├╝mmer gehtÔÇÖs immer

Eine Satire von Walter Waschb├Ąr

 

Wenn wir einmal die exotischen Sorten von Nobelpreisen beiseite lassen ÔÇô den f├╝r Frieden und den f├╝r Literatur ÔÇô dann gehen die Nobelpreise in der Regel an Wissenschaftler. Naturwissenschaftler, also Physiker und Chemiker. Manchmal auch an Mathematiker. Man muss da genau sein. Mathematik rechnet nicht ├╝berall zu den Naturwissenschaften.

Wissenschaftler sind gescheite Leute. Sie haben Abitur gemacht, an der Universit├Ąt studiert, wurden promoviert, haben sich habilitiert und als Professoren dann ihr Leben der Forschung verschrieben. Und irgendwann kriegen manche von ihnen einen Nobelpreis. Der Theorie nach sind das nat├╝rlich die besten. In der Praxis sieht das so aus, da├č viel zu wenig deutsche Forscher den Nobelpreis bekommen. Woran liegt das? Sind deutsche Forscher d├╝mmer als die Forscher anderer Nationen?

Es liegt daran, sagen die Statistiker (das ist eine spezielle Sorte von Mathematikern), da├č hierzulande zu wenige Menschen studieren und von denen, die ein Studium beginnen, zu viele die Flinte ins Korn werfen, bevor sie in die N├Ąhe eines Nobelpreises kommen ÔÇô will hei├čen: sie machen ihren Abschluss nicht. Woran liegt das?
Das liegt daran, sagen die Soziologen, da├č deren Eltern schon keine Akademiker waren (die soziale Herkunft sei in Deutschland besonders entscheidend f├╝r das Bildungsniveau), und respektive oder da├č die Kostenbelastung durch ein Studium zu hoch ist f├╝r viele junge Leute. Woran liegt das?
Das liegt daran, sagen die politischen Haushaltsexperten, da├č die Politik sparen muss, weil die Staatseink├╝nfte zu niedrig liegen und die Sozialausgaben in den Himmel wachsen und man daher die Bildungsetats k├╝rzen muss. Woran liegt das?

Das liegt daran, wissen die Controller (das ist eine spezielle Sorte von Betriebswirten), da├č die Firmen, m├Âglichst viele Kunden brauchen, die Waren kaufen, das Geld daf├╝r bezahlen und im ├╝brigen den Ablauf im Unternehmen nicht weiter st├Âren. So sind die Gesch├Ąfte besonders profitabel. Was dem Profit der Firmen ├╝ber die Ma├čen abtr├Ąglich ist, das sind Kunden, die Bescheid wissen. Solche Kunden stellen Fragen, erwarten plausible Antworten und kosten damit das Unternehmen unn├Âtig Geld. Mithin mu├č unbedingt verhindert werden, da├č es gebildete, selbst├Ąndig denkende, Standardantworten hinterfragende Kunden gibt. Wie geht das?
Das geht am besten, sagen die Manager, indem Industrie und Banken gute Kontakte zur Politik pflegen und m├Âglichst hohe Betr├Ąge an Staatsgeldern absch├Âpfen, vorzugsweise dadurch, da├č sie vorgeben, mit diesen Mitteln Arbeitspl├Ątze zu schaffen und zu erhalten. Durch dieses Absch├Âpfen von Steuergeldern stellt die Industrie sicher, da├č es der Politik immer an Geld mangelt. So macht es die Industrie den Politikern leicht, bei den Bildungsetats zu k├╝rzen und die Kunden bleiben dumm.
Das Sparen an der Bildung f├Ąllt der Politik auch leicht wegen der B├╝rgern├Ąhe. Ist der B├╝rger der Politik hinreichend nahe, dann zahlt er seine Steuern, w├Ąhlt die Machthabenden wieder und h├Ąlt still. Je besser der B├╝rger Bescheid wei├č, um so geringer ist seine B├╝rgern├Ąhe.
Das entspricht auf Unternehmensseite der Kundenorientierung. Ist die Orientierung des Kunden ausreichend auf das Unternehmen ausgerichtet, f├╝hrt das dazu, dass er bezahlt und dar├╝ber nicht weiter nachdenkt.

Nur keine Transparenz!
Nur keine Information!
Nur keine Bildung!
Gott bewahre uns vor der M├╝ndigkeit des Einzelnen und entferne alle Anti-Stuttgart-21-Aufkleber.

 

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