Früher haben die Kinder ‚Cowboy und Indianer‘ gespielt. Die Cowboys waren die Guten, die Indianer die Bösen. Das war dumm eingerichtet, denn die Kostüme der Indianer waren viel prächtiger. Man konnte bunt bestickte Hemdchen tragen, Pfeil und Bogen, weiche Schuhe, man hatte ein Band um die Stirn, das die wallenden Haare zähmte (aber nur oben, am Kopf, unten mußte es wehen und flattern im wilden Wind der weiten Prärie) und hinten steckte eine gezauste Taubenfeder drin (bei höheren Rängen war es eine schwarze Krähenfeder). Und: man konnte sich das Gesicht bunt malen, ganz wild. Das war dann Kriegsbemalung. Aber die Indianer waren die Bösen. Wenn man einen nicht leiden konnte, dann sagte man beim Verteilen der Rollen zu ihm: „Du bist Indianer.“
Inzwischen sind die Kinder von früher groß geworden. Daß Indianer die Bösen sind, das trägt man heute nicht mehr. Indianer sind mittlerweile auch Menschen. Bei manchen religiösen Gruppen ist man sich, zumindest mancherorts, da noch nicht ganz sicher – das wird derzeit noch geprüft. Aber Indianer sind inzwischen Menschen. Und Cowboys? Na, die sind auch nicht mehr das, was sie damals waren, zumindest, wenn man jüngste Entwicklungen im Kino ansieht.
Bleibt die Frage: Was spielen die Kinder von damals jetzt, wo sie groß sind?
Antwort: Sie spielen Patriot. Patriot ist so etwas ähnliches wie Cowboy. Patrioten sind die Guten. Aber das Wort an sich hat die zwei von Deutschland angezettelten und mit viel Patriotismus verlorenen Kriege nicht unbeschadet überstanden. Deshalb sagt man beim Verteilen der Rollen heute nicht „Du bist Patriot!“, man sagt vielmehr „Du bist Deutschland!“

 

aus: “Die Kinder von damals” von Louis Luchs, in “Mir fehlt ein Wort” 60 Essays und Aphorismen von Kurt Tucholsky und anderen Autoren, bleiklötzle, 2010, Wäschenbeuren.

 

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