Lasst euch nicht blenden!

Es war lediglich eine Frage der Zeit.
Diese Technologie ist nicht beherrschbar:
- nicht in England (Windscale/Sellafield 1957)
- nicht in Schottland (Dounreay 1977)
- nicht in den USA (Three Mile Island/Harrisburg 1979)
- nicht in der Ukraine (Tschernobyl 1986)
- nicht in Japan (Fukushima 2011)
und sie ist es auch in Deutschland nicht.

Lasst euch nicht blenden!

Tschernobyl ist noch keine 25 Jahre her.
Fukushima ist noch lange nicht vorbei.
Wieviele Reaktorkerne mĂŒssen noch schmelzen?

Ihr, die ihr 1986 KĂ€se aus noch unverstrahlter Milch eingefroren habt, erinnert euch!

Ihr, die ihr 1986 noch Kinder wart, die damals nicht zum Spielen nach draußen durften, denen man den verstrahlten Sandkasten leer geschaufelt hat, erinnert euch!

Ihr, die ihr heute noch auf Waldpilze verzichten mĂŒsst, weil sie auch nach fast 25 Jahren noch hohe Strahlenwerte haben, erinnert euch!

Ihr, deren Kinder in 25 Jahren selbst Kinder haben werden, werdet nachdenklich!

Lasst euch nicht blenden von denen, die ohne Bedenken die Laufzeiten unserer Atomkraftwerke verlĂ€ngert haben und damit den Ausstieg aus dieser unbeherrschbaren BrĂŒckentechnologie nur weiter hinaus zögern, und die jetzt aus Angst um ihren Wahlsieg ein Umdenken heucheln.

Glaubt ihnen nicht!
Sie messen mit zweierlei Maß: Sie beteiligen Konzerne an politischen Entscheidungen, nicht aber die BĂŒrger.

Traut ihnen nicht!
Sie sind kurzsichtig: Sie sehen nur den nÀchsten Wahltermin, aber nicht die Jahrzehnte, die darauf folgen.

Lasst euch nicht blenden!

An ihren Worten könnt ihr sie nicht erkennen.
Aber ihr erkennt sie an ihren Taten:
Sie haben nicht nur die Laufzeiten der Atommeiler verlÀngert, sondern damit auch das Andauern des Risikos.

Sie haben nicht nur die Laufzeiten der Atommeiler erhöht, sondern damit auch die Menge an hochverstrahltem MĂŒll, die beim Betreiben anfĂ€llt - und sie wissen immer noch nicht, wohin damit auf Dauer.

Was werden sie tun, wenn die Wahlen vorĂŒber und die schlimmsten Schreckensmeldungen verklungen sein werden?
Sie werden sagen, in Fukushima ist ja alles ganz anders, als es bei uns jemals sein könnte. So wie in Tschernobyl und in Harrisburg und in Windscale auch immer als anders war.
Sie werden wieder sagen, dass ohne Kernenergie in unserem Land die Lichter ausgehen werden, und sie werden die Laufzeiten der Atomkraftwerke wieder verlÀngern.
Sie werden sagen, unsere Anlagen sind sicher.

Überall auf der Welt war es immer anders.
Überall auf der Welt waren die Anlagen sicher.
Und dennoch kam es immer wieder zur Katastrophe.

Diese Technologie bleibt unbeherrschbar.

Lasst euch nicht blenden!

 

Horst Habicht zum 11. MĂ€rz 2011

 

 

Das kommt im Leben nicht vor

Eine Feststellung von Markus Marder

 

Es gibt ja Dinge, die kommen im Leben nicht vor. Zum Beispiel: sich waschen und nicht naß werden dabei. Schlicht unmöglich.
Oder Schnee im Sommer. Geht nicht, weil zu warm. Wenigstens hier bei uns.

Leben ohne Wasser. Geht vielleicht in einem anderen Universum – nicht aber auf unserem Planeten. Ohne Wasser geht gar nichts. Wenigstens hier bei uns.

Denken ohne Bildung. Und Bildung ohne denken. Keins von beiden geht ohne das andre. Es sind ZahnrĂ€der, die ineinander greifen – wo eines fehlt, steht das andre still.

Aber daß man aus Uran Strom macht und von Anfang an nicht weiß, wohin mit dem hochradioaktiven MĂŒll, der dabei anfĂ€llt; und dann beschließt man, noch lĂ€nger aus Uran Strom zu machen und dabei noch mehr hochstrahlenden MĂŒll zu produzieren, das gibt’s nicht nur, das ist offenbar völlig normal. Wenigstens hier bei uns.

in: “Mir fehlt ein Wort” 60 Essays und Aphorismen von Kurt Tucholsky und anderen Autoren, bleiklötzle, 2010, WĂ€schenbeuren.

 

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